Freitag, 10. Januar 2020

Entdeckungen im Garten des Heidelberger Schlosses: Erinnerungen an Goethes Begegnungen mit Marianne von Willemer

 

Bei meinem Heidelberg - Aufenthalt bin ich einige Male zum Schloss-Ruine hinauf gewandert. Das machen natürlich viele Heidelberg-Besucher. Und vor uns heutigen haben das viele Berühmte der Vergangenheit gemacht. 

Ob Friedrich Hölderlin bei seinen Heidelberg-Besuchen (1788/1795) zum Schloss hinauf gewandert ist, weiß man nicht, anzunehmen ist es. In seiner Ode "Heidelberg" (1798/1801) hat er in unnachahmlicher Weise den Eindruck geschildert, den man vom Tale - von der Alten Brücke - aus von den Ruinen hat.

 Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
   Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund,
      Von den Wettern zerrissen;
         Doch die ewige Sonne goß

Ihr verjüngendes Licht über das alternde
   Riesenbild, und umher grünte lebendiger
      Efeu; freundliche Wälder
         Rauschten über die Burg herab.

Natürlich habe ich auch das Schloss besucht und einige Führungen absolviert, aber davon will ich nicht berichten. Ich erzähle hier von einer Geschichte, auf die ich bei Spaziergängen in die Anlagen um die Burg gestoßen bin.

Heidelberger Schloss Gartenanlagen 1620
                                          "Hortus Palatinus" Jaques Fouquières 1620

Östlich von den Schloss-Gebäuden erstreckt sich der große Garten, der zwischen 1614 und 1619 den Kurfürst Friederich V., den unglückliche „Winterkönig“ – er war einen Winter König von Böhmen – anlegen ließ. Die architektonische Anlage mit ihren Stützmauern und Terrassen ist heute noch gut erkennbar. Doch von der ursprünglichen Struktur des „Hortus Palatinus“, eines Renaissance-Gartens, der das paradiesische „Goldene Zeitalter“ der Antike symbolisieren sollte, ist nicht mehr viel zu erkennen. Die Anlage wurde im 30-jährigen Krieg verwüstet und verfiel. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die inzwischen gewachsene Baum- und Buschvielfalt, die Hölderlin vor Augen hatte und etwas später romantische Dichter und Maler inspirierte, gerodet und ein botanischer Garten und Park angelegt. Dessen Grundbestand mit großen, teilweise exotischen Bäumen ist noch heute vorhanden.

Wandert man zur „Scheffelterrasse“ am Ende des Gartens, hat man einen fantastischen Blick auf Heidelberg und das Neckartal hinunter. So streben die meisten Touristen auch dahin. Dabei stoßen sie dann auch auf ein Standbild, das den Schriftsteller Viktor von Scheffel als Wanderer zeigt. Der 1886 verstorbene Ehrenbürger von Heidelberg, im 19. Jahrhundert hoch geschätzte Verfasser von historischen  Romanen bzw. Epen („Der Trompeter von Säckingen“, „Ekkehard“) und bekannten Liedern („ Wohlauf die Luft geht frisch und rein“, „Gaudeamus igitur“,  „Alt Heidelberg du feine“) hat der Terrasse den Namen gegeben. Obwohl ich einst als Abiturient den „Scheffelpreis“ der „Literarischen Gesellschaft/ Scheffelbund“ erhalten hatte – er wird in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz an Gymnasien für die beste Deutsch-Leistung der Abiturientenjahrgänge verliehen – war ich nicht geneigt, bei meinen Spaziergängen ihm besondere Verehrung zu zollen. 

Heidelberger Schloss Goethesäule

Mein Interesse galt einem abseits am Ostrand der Terrasse liegendem Winkel, den die meisten Besucher nicht beachten. Hier findet man eine große steinerne Bank, von der man – ungestört vom Besucherstrom - beschaulich auf grüne Wiesenflächen und Bäume schauen kann. In der Mitte der Rückenlehne der Bank fesselt ein  Reliefmedaillon den Blick: es zeigt einen Wiedehopf auf einem Blatt-Zweig, den der Botanikkundige als Gingko-Zweig identifizieren kann. Des weiteren finden sich auf der Bank zwei eingemeißelte Verse: „ Und noch einmal fühlet Hatem Frühlingshauch und Sommerbrand“ und „ Dort wo hohe Mauern glühen, finde ich den Vielgeliebten“. Nahe bei der Bank steht eine Säule mit einem übergroßen Metallkopf. Die Inschrift bringt einen auf die Spur, was es mit Bank und Ort auf sich haben. Die Bank wurde anlässlich des 100. Jahrestags der Herausgabe der Gedichtsammlung „West-östlicher Diwan“ (1819) errichtet. Sie soll an die Begegnung Goethes mit Marianne  von Willemer vom 23. bis 26. September 1815 in Heidelberg und auf dem Schloss erinnern.

Goethe auf dem Heidelberger Schloss Reliefmedaillon



Der "muntere Greis" trifft seine "Suleika"


Meine Neugierde war geweckt und ich bin dieser Geschichte nachgegangen. Herausgekommen ist die Geschichte eines alternden Mannes, der hier im „Herbst“ seines Lebens einen neuen „Frühling“ gefunden hat. Sie wirft ein Licht nicht nur auf Goethe als Dichter, sondern auch als „Lebemeister“. Sicher, es ist Goethes Leben, von dem hier die Rede ist. Aber es gilt auch Goethes Wort:

Steckt doch Mark in jedem Knochen / Und in jedem Hemde steckt ein Mann.

In Goethes Hemd steckte eben nicht nur der „Dichterfürst“, auch ein Mann, ein „Jedermann“. Und so mag die Geschichte auch Elemente enthalten, die überpersönlich sind.

Julie  von Egloffstein nach Joseph Karl Stieler (1828): Goethe 

Johann Wolfgang von Goethe hat Heidelberg zwischen 1775 und 1815 insgesamt acht Mal besucht. Sein letzter Besuch fiel in den September/Oktober  1815. Ein Jahr vorher hatte der 65jährige europaweit bekannte Dichter und Minister ohne „Portefeuile“ (d.h. ohne  konkrete Amtsaufgaben) des Weimarer Herzogs Karl August die 30jährige Marianne Jung – damals noch unverheiratet – zum ersten Mal getroffen. Goethe war aus der Enge Weimars, aus zerrütten Familienverhältnissen, aus der Ehe mit seiner kranken Frau, geflohen und hatte sich auf eine Reise in das Land seiner Jugend gemacht, in die die Rhein- und Maingegenden. In Wiesbaden trifft er seinen Freund und Bewunderer, den Bankier, Geheimen Rat und Senator Johann Jakob von Willemer  aus Frankfurt. Willemer stellt ihm seine „kleine Gefährtin“ vor, Demoiselle Jung.

Goethe hatte den „West-östlichen Diwan“ (Divan: persisch= Sammlung), seine bedeutendste Lyriksammlung, begonnen. Er hatte sich mit orientalischer Literatur beschäftigt und seine Absicht war, den „Osten und Westen, das Vergangene und Gegenwärtige, das Persische und Deutsche zu verknüpfen…“  In der Zeit des Niedergangs Napoleons, des Zerfalls Deutschlands und Europas, der beginnenden restaurativen Neuordnung der Verhältnisse durch den Wiener Kongress, begibt er sich innerlich in den Orient und in die Zeit des persischen Dichters Hafis (um 1315-1390), des Sänger der Liebe und des Weins. Auch dies ist eine Flucht, eine geistige, poetische, die aber mit seinen realen Bestrebungen und seiner faktischen Reise korrespondiert. Goethe will sich im „reinen Osten“ an „Chisers Quell“ – einem mythischen Jungbrunnen – verjüngen. Dabei tragen die Gedichte Goethes aber durchaus Zeitbezüge: 

Nord und West und Süd zersplittern, / Throne bersten, Reiche zittern, / Flüchte du, im reinen Osten / Patriarchenluft zu kosten! / Unter Lieben / Trinken, Singen / Soll dich Chisers  Quell verjüngen. 
 (West-östlicher Diwan, Buch des Sängers, Gedicht „Hegire“ – das ist die  Flucht Mohammeds aus Mekka nach Medina, mit der eine neue Zeitrechnung beginnt.)

Es war eine produktive Zeit für den Weimarer Poeten und auf der Reise entstanden viele Gedichte. Goethe macht eine seiner Wandlungen und Neugeburten durch. Inmitten der gesellschaftlichen, politischen Umbrüche beginnt für ihn eine neue individuelle Zeitrechnung. 

Und so lang du das nicht hast, / dieses: Stirb und Werde! / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde.

Der „schöne Greis“ mit dunklen Augen, braunem Gesicht und roten Wangen macht eine „wiederholte Pubertät“ durch. Auf der Reise erlebt er eine „Sonnenhochzeit“: Die Sonne dringt durch einen Regenschleier, ein weißer Regenbogen entsteht. Die wird ihm zum Zeichen:  
                                              
So sollst du, munterer Greis, / Dich nicht betrüben, / Sind gleich die Haare weiß, / Doch wirst Du lieben. 

Die erfüllt sich für ihn in der Liebesbeziehung zu Marianne von Willemer. Sie wird seine „Suleika“ im „Diwan“. Er erweckt in ihr nicht nur eine große Leidenschaft, sondern auch ihre dichterische Begabung, mit der sie ihm - als „Hatem“ - auf seine Gedichte poetisch antwortet.
(Hatem und Suleika sind Gestalten der persischen Literatur / Suleika ist die Frau des biblischen Potiphar, in der muslimischen Tradition eine geistvoll und keusch Liebende.)

 Goethe und Marianne von Willemer - Liebesgeständnisse in Gedichtform

                                                                                    
Marianne von Willemer und Goethe
Marianne von Willemer 1809
Wer war diese Frau? Marianne ist wohl 1784 in Österreich geboren und wuchs in Wien auf. Ihre Mutter war Schauspielerin, der Vater ist unbekannt. Früh tritt sie in die Fußstapfen der Mutter, betätigt sich schauspielerisch und tänzerisch. 1798 kommt sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt, sie tritt im Frankfurter Nationaltheater auf.  Der Oberdirektor des Frankfurter Theaters, Willemer, wird auf sie aufmerksam. Er kauft sie ihrer mittellosen Mutter regelrecht ab und nimmt sie als Pflegekind in sein Haus auf, wo sie mit seinen Töchtern erzogen wird. Der Dichter Clemens Brentano verliebt sich in sie. Da beginnt der verwitwete Willemer um sie zu werben. Auch auf Anraten Goethes heiratet der 54jährige die „kleine, liebenswürdige“ Frau im September 1814. Kurz vor der Heirat und auch danach zwei Mal im Oktober 1814 begegnen sich Goethe und Marianne wieder, in der Gerbermühle bei Frankfurt (Willemer hatte sie gepachtet), in Willemers Stadthaus in Frankfurt und in seinem Sommerhäuschen in Sachsenhausen, teilweise in Abwesenheit Willemers. Der Funken zwischen den beiden hat gezündet.

Goethe reist nach Weimar zurück. Über Bekannte, verschlüsselte Briefe und Gedichte bleiben die beiden in Kontakt. Man fragt sich, ob Willemer die Tiefe dieser Beziehung erkannt hat, und wie er dazu zu steht. Er selbst mahnt ein Lebenszeichen von Goethe im Namen seiner Frau an. Goethe antwortet: 

Und so bringt vom fernen Orte / Dieses Blatt auch goldne Worte, / Wenn die Lettern schwarz gebildet; / Liebevoll der Blick vergüldet.

Willemer lädt Goethe erneut ein. Dieser reist im Mai 1815 wieder nach Frankfurt und Wiesbaden. Er zögert, seiner „Kleinen“ zu begegnen und unternimmt andere Aktivitäten (z. B. eine Reise mit dem alten Freiherrn von Stein nach Köln). Im Juni trifft er die Willemers auf der Gerbermühle. Marianne umschwärmt und verwöhnt ihn. Sie singt vor ihm beziehungsreiche Lieder und spielt Gitarre. Sie lesen gemeinsam im "Hafis", schicken sich einander chiffriert Zeilen seiner Gedichte und der Goethes zu. Goethe liest Gedichte aus seinem „Diwan“ vor. Spaziergänge, Ausflüge werden unternommen. Goethe bleibt bis zum September. Man wechselt zwischen dem Stadthaus der Willemers in Frankfurt und der romantischen Gerbermühle. Das Suleika – Hatem – Wechselspiel der beiden Liebenden hat begonnen. Der Wiedehopf – in der orientalischen Tradition gilt er als Liebesbote, der zwischen Salomo und der Königin von Saba hin und her flog – wird zum Symbol der Botschaften, die zwischen den beiden hin- und her fliegen. Goethe-Hatem richtet folgendes Gedicht an Marianne:

Nicht Gelegenheit macht Diebe / Sie ist selbst der größte Dieb; / Denn sie stahl den Rest der Liebe, / die mir noch im Herzen blieb.
Dir hat sie ihn übergeben, / Meines Lebens Vollgewinn, / dass ich nun, verarmt, mein Leben/ Nur von dir gewärtig bin…

Suleika-Marianne antwortet:

Hochbeglückt in deiner Liebe, / Schelt ich nicht Gelegenheit, / Ward sie auch an dir zum Diebe; / wie mich solch ein Raub erfreut…
Was so willig du gegeben, / Bringt dir herrlichen Gewinn; / Meine Ruh, mein ganzes Leben/ Geb ich freudig, nimm es hin…

Es sind mindestens drei Gedichte im Buch „Suleika“ des „Diwan“, die von Marianne stammen. Sie sind Goethes Versen poetisch ebenbürtig – und in der Gefühlstiefe ihm überlegen. Goethe hat bei der Herausgabe des Werkes ihren Verfassernamen nicht genannt – wohl aus Taktgründen. In einem Gespräch mit dem Publizisten und Goethe-Forscher Herman Grimm bekannte die fast 70-jährige Marianne von Willemer ihre Mit-Autorschaft an den Hatem-Suleika-Gedichten des „Diwan“. Grimm hat diese Mitteilung erst nach ihrem Tode (1860) der Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Das zitierte Gedicht-Duett ist im Umkreis eines bedeutsamen Abends am 15. September 1815 in der Gerbermühle entstanden. Dort hatten sich Goethe, die Willemers und Sulpiz Boiseree getroffen. Boiseree aus Köln ist mit seinem Bruder Melchior als Sammler und Wiederentdecker altdeutscher und frühniederländischer Kunst bekannt geworden. Die beiden hatten ihre Kunstsammlung im Palais Sickingen am Karlsplatz (heute Gemanistisches Seminar) in Heidelberg ausgestellt, wo sie viele, auch prominente, Besucher, fand. Goethe hatte auf seiner Reise 1814 die Brüder und die Ausstellung besucht. Im Gegensatz zu den Romantikern blieb er reservierter. Doch Sulpiz war es gelungen, Goethes Freundschaft zu erwerben. Er begleitete Goethe mehrfach und zeichnete die Gespräche im Hause Willemer in seinem Tagebuch auf, auch den „heiteren Abend“ am 15. September: „G. hatte der Wilmer ein Blatt des Ginkho biloba als Sinnbild der Freundschaft geschickt aus der Stadt. Man weiß nicht ob es eins, das sich in 2 teilt, oder zwei die sich in eins verbinden…“

Das Blatt des Ginkgo-Baumes zeichnet sich durch eine Fächerform aus und hat in einer frühen Phase einen tiefen Einschnitt in der Mitte, sodass der Eindruck entstehen kann, dass es aus zwei Teilen zusammengewachsen ist. Goethe hatte einen „Vers“ dazu geschrieben, in dem es heißt, „dass ich  Eins und doppelt bin“. Das Hauptthema des Abends drehte sich um diese Formulierung, in der sowohl Goethes Person als auch untergründig das Verhältnis der beiden Liebenden angesprochen ist.

Nach dem Erhalt des Gedichtes „Hochbeglückt in deiner Liebe…“ kann Goethe nicht mehr übersehen, was er in Marianne entfacht hat. Er reagiert wie schon früher, wenn eine Liebesbeziehung zu nahe gerückt war und seine persönliche und dichterische Weiterentwicklung einzuschränken drohte: mit Flucht. Am 18. September verlässt er die Gerbermühle und Frankfurt. Er begibt sich nach Heidelberg, wo er mit dem Theologen und Orientalisten Paulus Fachgespräche führt. Willemers teilt er mit, dass seine Heimreise nicht über Frankfurt erfolgen werde. Womit er aber nicht gerechnet hat: die Willemers tauchen am 23. September in Heidelberg auf und mieten sich im „Goldenen Hecht“ ein (heute "Holländer Hof"). Weitere drei Tage und Nächte verbleiben den Liebenden.
Was in dieser Zeit alles geschah, bleibt ein Geheimnis zwischen den beiden und Generationen von Germanisten haben darüber ihre Vermutungen angestellt. Belegt sind die Spaziergänge der beiden in den Heidelberger Schlossgarten. Goethe zeigt Marianne einen Gingko-Baum, wohl in der Nähe der heutigen Goethe Bank. (Man hat dort einen solchen Baum gepflanzt, der noch jung ist – aber auf dem Weg dorthin, zwischen einem Brunnenhäuschen und der Scheffelterrasse, steht ein alter, gewaltiger Gingko!) Am 26. September, dem Abschiedstag, spazieren sie noch einmal durch den Park. Goethe führt Marianne an einen „springenden, wallenden“ Brunnen am „Ende des Kanals der Hauptallee“ und schreibt in arabischer Schrift „Suleika“ in den Sand.
1860 – kurz vor ihrem Tode - besucht Marianne noch einmal den Heidelberger Schlossgarten und erinnert sich am Brunnen: „ Hier hat er mich geküsst…Hier schrieb er mit seinem Stock einen Vers in den Sand“ und  „Dies ist der Baum, von welchem er mir damals ein Blatt brachte“.
In seinem Tagebuch notiert Goethe schon am 25. September: „Abend-Music. Gespräch. Abschied.“. Am 26. September 1815 heißt es dann: „Abreise der Freunde. Divan. Blieb zu Hause.“

Marianne und Goethe sahen sich nie wieder.

Goethe überdeckt sein „Brustweh, das sich fast in Herzweh verwandelt hätte“ durch Gespräche mit Gelehrten und verwandelt es in Dichtung.

Das Gingko-Blatt als Liebes- und Persönlichkeitssymbol


Am 27. September schickt er sein später so betiteltes Gedicht „Ginkgo biloba“ nach Frankfurt, nicht an Marianne direkt, sondern an ihre Freundin, Willemers Tochter Rosine Städel. Er habe die „prosaische Auslegung“, die das „wunderliche“ Blatt an jenem Abend in der Gerbermühle erfahren habe, in eine „rhythmische Übersetzung“ gebracht, schreibt er.

Dieses Baums Blat, der, von Osten, / Meinem Garten anvertraut, / Giebt geheimen Sinn zu kosten, / Wie´s den Wissenden erbaut.
Ist es Ein lebendig Wesen? / Das sich in sich selbst getrennt; / Sind es Zwey? Die sich erlesen, / Daß man sie als Eines kennt.
Solche Frage zu erwiedern / Fand ich wohl den rechten Sinn; / Fühlst Du nicht an meinen Liedern, / Daß ich Eins und doppelt bin?

Veränderte Fassung des Goethe-Gedichts als Ginkgo biloba in Goethes Reinschrift, Goethe Museum Düsseldorf (wikipedia.org)

  
In diesen herbstlichen Gingko-Blättern, die ich aufgenommen habe, ist der tiefe Einschnitt, den Goethe vor Augen hatte, nicht mehr zu sehen!
                                        
So wurde das „wunderliche“ Gingko-Blatt zum Symbol von Goethes „zwei Seelen, wohnen, ach! in meiner Brust“ und der Liebe zwischen ihm und Marianne, seiner Verbundenheit mit ihr und der Trennung, geronnen nun in Poesie, nur „Wissenden“ bekannt. Damit wurde aber auch der Ginko im Westen erstmals zum heute noch vielfach verwendeten Symbol. (So hat eine liebe Bekannte meiner Frau eine Karte mit der Abbildung eines Gingko-Blattes mit guten Wünschen zu meiner Therapie in Heidelberg geschickt.)

Der Gingko ist ein geheimnisvoller Baum. Er ist wohl der älteste Baum der Welt, weder Nadel- noch Laubbaum, eine eigene Gattung bildend, zweigeschlechtlich – es gibt männliche und weibliche Gingkos. Seine Fortpflanzung ist sehr kompliziert, mit Spermatozoiden, Eizelle und Embryo. Er wurde Ende des 17.Jahrhunderts (von einem deutschen Forschungsreisenden in holländischem Auftrag) aus Ostasien nach Europa eingeführt. (Zur Zeit der Begegnung Goethes mit Marianne war er noch ein „neuer“ Baum in Deutschland, eine botanische Besonderheit und Rarität, die vielleicht Goethes Aufmerksamkeit auch im Zusammenhang seiner Suche nach der „Urpflanze“ erweckt hatte.)  In China hieß er „Gin-Kyo“, „Silber-Aprikose“, war ein Symbol für Yin und Yang, wurde in Gedichten besungen und galt als heilkräftig. Seine gerösteten „Nüsse“ wurden als Delikatesse und Lebenselexier hoch geschätzt (roh stinken sie ziemlich, wie ich feststellte). Auch die moderne Forschung hat seine Heilkraft gegen Durchblutungstörungen und Altersbeschwerden entdeckt. Als „Tebonin“ wird Gingko-Extrakt“ vermarktet. Dieser „Ur- und Lebensbaum“ ist zum weltweiten Hoffnungszeichen geworden, nachdem man im Zentrum der Atombombenexplosion von Hiroshima einen Ginko-Stumpf entdeckt hatte, der wieder austrieb. Der Gingko gibt also wirklich „geheimen Sinn zu kosten“.

Goethe und Marianne Willemer haben sich zwar nicht mehr gesehen, aber sie blieben bis ins hohe Alter miteinander verbunden, über Briefe, Geschenke, Dichtungen, die sie einander zusandten. „Hud-Hud“ (arabisch), der Wiedehopf, flog weiter zwischen ihnen hin und her. Freilich, Marianne, die sich zeitlebens durch seine Liebe erhöht fühlte, aber ihr auch nachtrauerte, war nicht die letzte seiner Geliebten.


Goethe
Der "alte" Goethe und der Goethe in der Divan-Zeit

"Hier war ich glücklich, liebend und geliebt" - Marianne von Willemers Erinnerungsgedicht                                             

 

Auf der westlichen Terrasse des Heidelberger Schlosses, dem „Stückgarten“, mit Blick auf den „Dicken Turm“ mit den beiden Königsfiguren, steht eine Felssäule mit eingelassener Schrifttafel. Tritt man näher, kann man einige Strophen eines Gedichts entziffern, das von Marianne von Willemer stammt. Sie hat das Gedicht Goethe zu seinem 75. Geburtstag am 25. August 1824 geschickt. Es entstand anlässlich eines  abendlichen Besuches des Heidelberger Schlosses am 28. Juli. In diesem Gedicht gibt die 40jährige mit bewegenden Worten ihrer Erinnerung Raum und ihren Gefühlen Ausdruck:

Euch grüß ich weite, lichtumflossne Räume, / Dich alten reichbekränzten Fürstenbau, / Euch grüß ich hohe, dichtumlaubte Bäume, / und über Euch des Himmels tiefes Blau.
Wohin der Blick das Auge forschend wendet / In diesem Blütenreichen Friedensraum, / Wird mir ein leiser Liebesgruß gesendet / aus meines Lebens freudevollster Traum.
An der Terrasse hohem Berggeländer / War eine Zeit  sein Kommen und sein Gehen, / Die Zeichen, treuer Neigung Unterpfänder, / Sie sucht ich, und ich kann sie nicht erspähn.
Dort jenes Baumsblatt, das aus fernem Osten / dem westöstlichen Garten anvertraut, / Gibt mir geheimen Sinn zu kosten / Woran sich fromm die Liebende erbaut…
Dem kühlen Brunnen, wo die klare Quelle / Um grünbekränzte Marmorstufen rauscht, / Entquillt nicht leiser, rascher, Well auf Welle, / Als Blick um Blick, und Wort um Wort sich tauscht.
O! Schließt euch nun ihr müden Augenlieder. / Im Dämmerlichte jener schönen Zeit / Umtönen mich des Freundes hohe Lieder, / Zur Gegenwart wird die Vergangenheit…
Schließt euch um mich ihr unsichtbaren Schranken / Im Zauberkreis der magisch mich umgibt, / Versenkt euch willig Sinne und Gedanken, / Hier war ich glücklich, liebend und geliebt.                                                 
            
Marianne von Willemer und Goethe auf dem heidelberger Schloss
                                                                                                              

Lange stand ich vor dieser Säule, beim Entziffern hin und wieder von fotografierenden Touristen gestört, die dann rasch zur Aussicht ins Tal eilten und blicke danach von der Terrasse auf das abendliche Heidelberg hinunter, sehe den Neckar, die Rhein- und Mainebene, herbstlich verhangen. Ich hänge meinen Erinnerungen und Gedanken nach…

                                                    „Zur Gegenwart wird die Vergangenheit“.

Heidelberg Schloss Goethe und "Suleika"

Bei einem Besuch des Goethe-Hauses in Frankfurt stieß ich auf das Porträt Mariannes von Willemer, das uns eine gute Vorstellung von ihr gibt (oben abgebildet). Dort erwarb ich auch das Büchlein von Siegfried Unseld, Goethe und der Gingko (Insel Bücherei Nr. 1360), dem ich vieles des hier Geschriebenen verdanke.
Nach der Lektüre besuchte ich noch einmal die Goethe-/Willemer-Orte auf dem Schloss, kenntnisreicher als vorher. Wieder sammelte ich einige Gingkoblätter. Sie sind auch mir in meiner Situation zum Hoffnungssymbol geworden und zum Zeichen der Verbundenheit mit meiner Lebensgefährtin.
Wenn Ihr, liebe Freunde, nach Heidelberg kommt und das Schloss besichtigt, werdet Ihr, nach der Lektüre dieser Zeilen, die Stätten der Erinnerung an Goethe und Marianne Willemer mit mehr Aufmerksamkeit und Bewusstheit aufsuchen als manche andere Besucher. Und vergesst nicht, ein oder mehrere Gingko-Blätter mitzunehmen und Eure Erinnerungen, Gedanken und Hoffnungen daran zu knüpfen.

(Dieser Aufsatz wurde 2012 während eines Therapie-Aufenthaltes in Heidelberg verfasst und an Freunde verschickt.)